BYD sprengt Ladegrenzen: 1500 kW für E-Autos
Während Europa noch darüber streitet, ob 50 kW als schnell oder nur halbwegs schnell gilt, und 350-kW-Lader wie Kinder ein neues Spielzeug feiern, hat China längst das Spielfeld neu definiert. BYD stellt seine zweite Generation von Ladestationen vor, die mit einer Leistung aufwarten, bei der selbst ein durchschnittliches Umspannwerk ins Schwitzen gerät: 1500 kW.
Wer bisher sein Elektroauto während eines Drei-Gänge-Menüs und den ersten Kapiteln von Der Graf von Monte Christo geladen hat, muss mit BYDs neuem System sein Zeitmanagement überdenken. Dank 1500 Ampere fließen in nur fünf Minuten rund 400 Kilometer Reichweite in den Akku. Praktisch gesehen ist der Ladevorgang oft beendet, bevor man an der Raststätte überhaupt an der Reihe ist. Die Ladezeit hängt nun weniger von der Geschwindigkeit der Elektronen ab als davon, wie schnell man das Kabel ins Auto steckt.
BYD hat nicht einfach einen riesigen Trafo in den Boden gerammt. Die zweite Generation der Stationen steht an der Spitze der Ladetechnologie. Flüssiggekühlte Kabel verhindern Überhitzung bei extremer Belastung. Ein integrierter Batterie-Puffer, jetzt um die Hälfte größer als zuvor, ermöglicht es, mehr als 20 Fahrzeuge hintereinander zu laden, ohne das lokale Netz in die Knie zu zwingen. Das T-förmige Layout bietet pro Einheit zwei Ladeanschlüsse, die intelligent je nach Fahrzeugarchitektur – ob 500 oder 1000 Volt – verteilt werden.
Während in Europa noch über Ladesäulennetze diskutiert wird, betrieb BYD bis Ende 2025 bereits über 500 Megawatt-Klasse-Stationen in 200 chinesischen Städten. Allein dieses Jahr sollen mit Partnern weitere 15.000 Stationen hinzukommen.
BYD setzt zudem auf eine verblüffend einfache Idee: Besitzer können ihre Heimlader per App an andere Nutzer vermieten – ein Schritt in die Sharing Economy, der der alten Autowelt weit voraus ist. Bis die traditionellen Hersteller reagieren, könnten chinesische Fahrzeuge längst ganz andere Maßstäbe setzen.
Wer also lange Ladezeiten noch als letztes Argument gegen Elektroautos ins Feld führt, dem ist dieses nun abhandengekommen. Die eigentliche Frage ist, wann diese Technik zu uns kommt – oder ob Europa weiter an seinen 22-kW-Säulen parkt und von verpassten Chancen träumt.
Europa und China fahren längst in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während hier noch über Standards diskutiert wird, lebt man dort bereits im nächsten Kapitel.