Hypnose, KI und ein paar Halluzinationen: So verkauft man ein Auto, das es nicht gibt
Früher bedeutete die Vorstellung eines neuen Modells: ein Ingenieur mit schwitzigen Händen, der in einer zugigen Garage die Nockenwellensteuerung erklärt, oder ein japanischer Projektmanager, der ein Englisch spricht, das nur er selbst versteht. 2026 liegen Influencer auf der Couch eines Hypnosetherapeuten und sollen sich ein Biest vorstellen. CUPRA, der dauerhaft jugendliche Rebell im Volkswagen-Konzern mit einer Schwäche für Bronzeschmuck, inszenierte eine Probefahrt in einem Auto, das nur als geteilte Halluzination existiert.
Wenn die Realität zu langweilig wirkt, ruft man eben einen Zauberer
Der CUPRA Tindaya ist dem Namen nach ein Showcar. Übersetzt heißt das: eine Maschine, die aussieht wie ein Raumschiff, sich aber vermutlich mit Klebeband schließen lässt und dort, wo eigentlich der Antrieb sitzen müsste, drei Akkuschrauber beherbergt. Damit Influencer die Lücken in der Verarbeitungsqualität des Tindaya gar nicht erst bemerken, entschied sich CUPRAs Marketingchef Patrick Sievers dafür, Physik durch Psychologie zu ersetzen.
Das Drehbuch war simpel. Content Creator wurden hypnotisiert. Der italienische Hypnosetherapeut Michele Occelli, ein Mann, dessen Stimme vermutlich geschmeidiger war als der Sitzbezug, wies sie an, ein lebendiges Wesen zu sehen. Und tatsächlich begannen Menschen, die dafür bezahlt werden, Marken zu lieben, Dinge zu sehen. Einer spürte Wind im Haar, drinnen natürlich. Ein anderer streichelte ein imaginäres Lenkrad, als wäre es der Messias eines neuen Zeitalters.
KI, weil Fantasie offenbar Untertitel braucht
Damit dieser psychedelische Zirkus noch technischer wirkt, mischte CUPRA auch künstliche Intelligenz dazu. Weil die Teilnehmer unter Hypnose vermutlich in der Sprache halb erinnerter Träume sprachen, verwandelte KI ihre Visionen in polierte Bilder. Aus Sicht der Marke war das ideal. CUPRA hatte plötzlich einen Stapel kostenloses Werbematerial, das das Auto zeigt, wie es durch Dschungellandschaften stürmt oder an der Küste entlanggleitet, ganz ohne das Ding überhaupt von einem Anhänger rollen zu müssen.
Es ist ein wunderbar effizientes Stück Budgetkontrolle. Energieverbrauch: null. Reifenverschleiß: nicht vorhanden, es sei denn, man zählt die Sohlen der Influencer-Sneaker. Sicherheit: makellose fünf Sterne, denn im mentalen Raum fährt niemand gegen einen Baum.
Ein kurzer Abstecher zurück in die Realität
Man stelle sich vor, man würde selbst so eine Veranstaltung besuchen. Man setzt sich auf ein Sofa, während der Hypnosetherapeut murmelt: „Du bist eins mit dem Auto, du spürst die Symphonie der Beschleunigung.“ Und schon sieht man vor sich, wie sich jede Leasingrate von selbst erledigt und jede von Schlaglöchern zertrümmerte Alufelge durch ein stilles Wunder ersetzt wird. Dann wacht man lächelnd auf, bedankt sich höflich und fährt nach Hause. Vorhang.
Trotzdem sagt das CUPRA-Tindaya-Event einiges darüber aus, wohin sich die Autoindustrie bewegt. Wir kaufen nicht mehr vier Räder und ein Lenkrad. Wir kaufen ein Gesamterlebnis, eine mentale Reise, eine emotionale Synchronisation. Das ist besonders ironisch in einer Zeit, in der Elektroautos sich immer ähnlicher werden und immer langweiliger, was Marketingabteilungen dazu zwingt, zunehmend entgleiste Wege zu erfinden, um uns zu überzeugen, dass ausgerechnet diese batteriebetriebene Kiste in Wahrheit ein Biest ist.