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Spikereifen oder Winterreifen ohne Spikes? Neue Forschung erklärt, welcher auf Eis mehr Grip bietet

Naastrehv
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Spikereifen bieten auf Eis in der Regel mehr Grip. Bei extremer Kälte kann ein hochwertiger Winterreifen ohne Spikes jedoch deutlich näher an ihre Leistung herankommen. Neue Forschungsergebnisse deutscher Wissenschaftler zeigen, dass die Glätte von Eis nicht nur von Schmelzwasser abhängt, sondern auch von molekularen Vorgängen, die bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt ablaufen. Zusammen mit Winterreifentests aus dem Jahr 2025 helfen die Erkenntnisse zu erklären, warum bei wechselnden Winterbedingungen keine Reifenart durchweg die beste ist.

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Eis kann auch ohne zu schmelzen glatt sein

Die Forscher Achraf Atila, Sergey Sukhomlinov und Martin Müser von der Universität des Saarlandes haben in der Fachzeitschrift Physical Review Letters eine Studie mit dem Titel „Cold Self-Lubrication of Sliding Ice“ veröffentlicht. Sie stellt die herkömmliche Erklärung für die Glätte von Eis infrage.

Bisher wurde die geringe Reibung auf Eis vor allem auf Druck und Reibungswärme zurückgeführt, die eine dünne Wasserschicht auf der Eisoberfläche entstehen lassen.

Die molekularen Simulationen der Forscher zeigten jedoch, dass ein gleitender Kontakt die geordnete Kristallstruktur von Eis auch ohne herkömmliches Schmelzen stören kann. Dadurch entsteht an der Oberfläche eine flüssigkeitsähnliche molekulare Schicht, die die Reibung verringern kann. Ob eine sehr geringe Reibung entsteht, hängt auch von den Eigenschaften des Materials ab, das mit dem Eis in Kontakt kommt, sowie von der Bewegung des Wassers an der Kontaktfläche.

Die Erkenntnis beweist nicht, dass eine Reifenart besser ist als die andere: Die Forscher haben keine Autoreifen getestet. Sie zeigt aber, warum sich der Grip auf Eis nicht allein anhand der Lufttemperatur vorhersagen lässt.

Spikes sind im Vorteil, wenn Gummi keinen Halt mehr findet

Die größte Stärke von Spikereifen liegt darin, dass ihre Metallspikes in die Oberflächenschicht des Eises eindringen und so mechanischen Grip bieten können. Das ist besonders auf glattem, blankem Eis wichtig, wenn die Reibung zwischen Reifengummi und Oberfläche gering ist.

Winterreifen ohne Spikes setzen auf ein anderes Prinzip. Ihre weiche Gummimischung bleibt bei Kälte flexibel und passt sich Unebenheiten der Fahrbahn an. Zahlreiche Einschnitte im Profil, sogenannte Lamellen, schaffen zusätzliche Griffkanten.

Besonders schwierig sind die Bedingungen nahe 0 °C, wenn sich Wasser auf der Eisoberfläche befindet. Dann können Spikereifen dank ihres mechanischen Grips sowohl beim Bremsen als auch in Kurven einen deutlichen Vorteil bieten.

Bei extremer Kälte ändert sich die Lage. Eis wird im Allgemeinen härter, sodass Spikes schwerer in seine Oberfläche eindringen können. Nordische Winterreifen ohne Spikes bleiben dank einer speziellen Gummimischung flexibel. Dadurch verringert sich der Unterschied beim Grip zwischen den beiden Reifenarten.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Winterreifen ohne Spikes beispielsweise bei -15 °C automatisch besser sind. Eine feste Temperaturgrenze gibt es nicht, denn das Ergebnis hängt von der Beschaffenheit der Eisoberfläche, dem Reifenmodell, der Gestaltung der Spikes und der Gummimischung ab.

Winterreifentests bestätigen den Vorteil von Spikes auf Eis

Im Vergleichstest 2025 der finnischen Zeitschrift Tekniikan Maailma wurden sieben Spikereifen und sieben nordische Winterreifen ohne Spikes der Größe 205/55 R16 getestet.

Beim Bremsen auf Eis aus 50 km/h kam der Bridgestone Blizzak Spike 3 nach 32,3 Metern zum Stehen. Der beste Reifen ohne Spikes, der Michelin X-Ice Snow, benötigte 45,6 Meter. Der Unterschied betrug 13,3 Meter oder mehr als 41 Prozent des Bremswegs des Spikereifens. Eine solche Differenz kann die Folgen eines Unfalls mit einem unerwarteten Hindernis entscheidend beeinflussen.

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Zugleich zeigte der Test, dass die Ergebnisse selbst innerhalb derselben Reifenkategorie erheblich schwanken können. Einige Spikereifen bremsten auf Eis merklich schlechter als die besten Modelle ihrer Kategorie. Spikes allein garantieren also keinen guten Grip. Reifenkonstruktion und konkretes Modell sind mindestens ebenso wichtig.

Auf Schnee und Asphalt verschieben sich die Verhältnisse

Auf verschneiten Straßen nimmt der Vorteil von Spikes ab, weil die Metallspikes möglicherweise keinen ausreichend festen Untergrund erreichen. Der Grip hängt dann vor allem vom Profil, der Gummimischung und davon ab, wie gut sich der Reifen in den Schnee krallt.

Ein hochwertiger nordischer Winterreifen ohne Spikes kann unter diesen Bedingungen ebenso gut oder sogar besser abschneiden als ein Spikereifen.

Auf nassem Asphalt bieten Spikes dagegen nicht denselben Nutzen wie auf Eis. Sie erhöhen das Reifengeräusch und den Verschleiß der Fahrbahn, während Reifen ohne Spikes in der Regel leiser abrollen.

Wichtig ist allerdings die Unterscheidung zwischen nordischen und mitteleuropäischen Winterreifen ohne Spikes.

Mitteleuropäische Winterreifen sind vor allem auf nassen und trockenen Asphalt ausgelegt, während Hersteller nordische Modelle für Kälte, Schnee und Eis entwickeln.

Der Vergleichstest 2025 der schwedischen Zeitschrift Teknikens Värld bestätigte diesen Unterschied: Mitteleuropäische Reifen schnitten auf nassem Asphalt gut ab, blieben auf Eis aber deutlich hinter nordischen Winterreifen zurück.

Unter realen Winterbedingungen zählt die schwierigste Fahrsituation

Für Autofahrer geht es nicht nur um Bremswege auf Eis. Eine einzige Fahrt kann über trockenen Asphalt, Schneematsch und festgefahrenen Schnee führen und unerwartetes Glatteis mit sich bringen.

Für Fahrten vor allem in Städten und auf gut geräumten Hauptstraßen kann ein hochwertiger nordischer Winterreifen ohne Spikes die sinnvollere Wahl sein. Er bietet guten Grip im Winter, weniger Geräusche und mehr Fahrkomfort.

Führt der tägliche Weg aber über selten geräumte Nebenstraßen, vereiste Steigungen oder Fahrbahnen, die in den frühen Morgenstunden gefroren sind, bieten Spikereifen eine zusätzliche Sicherheitsreserve.

Auch das Alter der Reifen spielt eine Rolle. Ein Winterreifen ohne Spikes verliert Grip, wenn seine Gummimischung verhärtet ist. Ein Spikereifen mit abgenutzten oder fehlenden Spikes kann nicht mehr seinen ursprünglichen Grip bieten.

Ein neuer, hochwertiger Winterreifen ohne Spikes kann daher sicherer sein als ein alter, abgenutzter Spikereifen.

Die Physik kennt keinen Universalsieger

Die Studie der Universität des Saarlandes ändert nichts an den bisherigen Ergebnissen von Winterreifentests. Sie trägt aber zum Verständnis bei, warum Eis unter unterschiedlichen Bedingungen glatt wird.

Der mechanische Vorteil von Spikereifen auf glattem Eis bleibt bestehen. Die Stärken von Winterreifen ohne Spikes liegen dagegen in ihrer Vielseitigkeit und darin, dass sie auch ohne Metallspikes sehr guten Grip erreichen können.

Reifen sollten nach den schwierigsten zu erwartenden Straßenbedingungen ausgewählt werden, nicht nach einem durchschnittlichen Wintertag. Wer regelmäßig auf Eis fahren muss, ist mit Spikereifen in der Regel sicherer unterwegs. Auf gut geräumten Straßen können nordische Winterreifen ohne Spikes die ausgewogenere Lösung sein. Wie sicher ein Auto im Winter ist, entscheidet sich nicht daran, wie gut es auf trockenem Asphalt fährt. Eine einzige vereiste Kurve kann ausschlaggebend sein.