E-Motiv bringt MotoGP-Technik zu Elektromotorrädern: Schalten ohne Zugkraftunterbrechung
1/2 Das britische Technologieunternehmen E-Motiv Shift Systems stellt im November auf der EICMA in Mailand ein Zweiganggetriebe für Elektromotorräder vor, das Gangwechsel ohne Zugkraftunterbrechung ermöglicht. Das aus der MotoGP-Renntechnik entwickelte System soll Beschleunigung und Energieeffizienz verbessern und zugleich die für Elektromotoren typische gleichmäßige Leistungsentfaltung erhalten.
Zwei Gänge könnten besser sein als einer
Die meisten Elektromotorräder haben eine feste Übersetzung, weil Elektromotoren schon bei niedrigen Drehzahlen ein hohes Drehmoment entwickeln. Ein einfaches Getriebe verringert Gewicht und mechanische Verluste, zwingt die Entwickler aber zu einem Kompromiss zwischen Beschleunigung, Höchstgeschwindigkeit und Energieeffizienz.
Das neue Zweigang-Lastschaltgetriebe von E-Motiv ermöglicht eine kürzere Übersetzung zum Beschleunigen und eine längere bei höheren Geschwindigkeiten. Anders als bei einem herkömmlichen Getriebe wird der Antrieb beim Gangwechsel nicht unterbrochen.
Nach Angaben des Herstellers lässt sich auch das Schaltverhalten anpassen. Bei einem Sportmotorrad kann das System auf unmittelbares Ansprechverhalten ausgelegt werden, bei einem Tourenmotorrad auf sanfte Gangwechsel und Energieeinsparung.
Wie effizient das System tatsächlich ist, hängt allerdings auch vom zusätzlichen Gewicht und den mechanischen Verlusten ab. E-Motiv hat bislang weder das Gewicht des Getriebes noch die Übersetzungsverhältnisse oder gemessene Effizienzwerte veröffentlicht.
MotoGP-Erfahrung seit 2015
Die Technik von E-Motiv geht auf das vor fast 25 Jahren entwickelte Zeroshift-Schaltsystem zurück.
Aprilia Racing führte es 2015 beim Rennmotorrad RS-GP ein. Seitdem erzielte das Team mehr als 30 Podiumsplatzierungen, darunter alle drei Podiumsplätze in Silverstone im Juli 2026.
Für Elektromotorräder entwickelte E-Motiv eine eigenständige, patentierte Lösung. Das Projekt wurde über das Programm Innovate UK der britischen Regierung mit 1 Million Pfund, umgerechnet rund 1,15 Millionen Euro, gefördert.
Am Entwicklungsprojekt waren der Motorradhersteller BSA, die University of Bath und das Forschungszentrum für Antriebstechnik IAAPS beteiligt.
Erste Testfahrten sollen 2027 beginnen
Die Technik wird auf dem Elektromotorrad Demo 1 erprobt, das vom britischen Unternehmen Envisage entworfen wurde. IAAPS baut den Prototyp in seinem Forschungszentrum. Die ersten Testfahrten unter realen Bedingungen sollen im ersten Quartal 2027 beginnen.
E-Motiv stellt das neue Getriebe auf der EICMA 2026 vor, die vom 3. bis 8. November in Mailand stattfindet. Wann die Serienproduktion beginnen soll und wer als Kunde infrage kommt, gibt das Unternehmen noch nicht bekannt.
Auf dem europäischen Markt für Elektromotorräder könnte das System besonders für Hersteller sportlicher Modelle und solcher mit größerer Reichweite interessant sein. Ein Zweiganggetriebe würde es ermöglichen, den Elektromotor in einem effizienteren Betriebsbereich zu betreiben. Die Vorteile müssten jedoch die aufwendigere Konstruktion und den höheren Preis aufwiegen.
Die Technik von E-Motiv macht ein Elektromotorrad nicht automatisch schneller oder sparsamer. Sie bietet den Entwicklern aber eine weitere Möglichkeit, den Antrieb zu optimieren, ohne auf einen der größten Vorzüge des Elektroantriebs zu verzichten: die ununterbrochene Zugkraft.