Volvo wirbt Škoda-Chef ab
Volvo Cars hat Klaus Zellmer, den derzeitigen Škoda-Chef, zum nächsten CEO bestimmt. Die Wahl ist kein Zufall: Unter Zellmer ist Škoda bis an die Spitze der europäischen Verkaufsrangliste vorgerückt und erzielt eine Umsatzrendite von 8,5 %. Volvo wiederum will seine EBIT-Marge auf mehr als 8 % steigern. Mit anderen Worten: Volvo holt den Mann, dessen derzeitiges Unternehmen bereits in etwa das erreicht, worauf Göteborg noch hinarbeitet.
Ein schneller Wechsel steht allerdings nicht bevor. Volvo Cars gab am 20. September bekannt, dass Zellmer das Amt des Präsidenten und CEO spätestens am 1. Oktober 2027 übernehmen wird. Bis dahin wird der derzeitige CEO Håkan Samuelsson den Übergang gemeinsam mit dem Verwaltungsrat des Unternehmens leiten.
Škodas Ergebnisse machen die Wahl leicht nachvollziehbar
Der 59-jährige Klaus Zellmer arbeitet seit mehr als 30 Jahren in der Automobilindustrie. Bevor er 2022 die Leitung von Škoda übernahm, war er mehr als zwei Jahrzehnte bei Porsche tätig und leitete unter anderem das Geschäft des Unternehmens in Deutschland und Nordamerika. Später war er bei Volkswagen Pkw für Vertrieb, Marketing und After-Sales verantwortlich.
Den deutlichsten Hintergrund für Volvos Entscheidung liefert jedoch seine Zeit bei Škoda.
2025 lieferte Škoda weltweit 1.043.900 Autos aus, 12,7 % mehr als im Vorjahr. Der Umsatz stieg auf den Rekordwert von 30,1 Milliarden Euro, das operative Ergebnis erreichte 2,5 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite lag bei 8,3 %, während Škoda zur drittgrößten Automarke Europas aufstieg.
Das Wachstum setzte sich in diesem Jahr fort. Im ersten Halbjahr 2026 lieferte Škoda 555.700 Autos aus, 9,1 % mehr als im Vorjahreszeitraum, und stieg gemessen am Absatz zur zweitgrößten Automarke Europas auf. Das operative Ergebnis erreichte 1,4 Milliarden Euro, die Umsatzrendite lag bei 8,5 %. Gleichzeitig nahmen die Auslieferungen vollelektrischer Autos um 48,3 % zu.
Für Volvo ist diese Kombination wertvoller als nur ein weiterer Name im Führungskräftekarussell der Automobilindustrie. Zellmer bringt Erfahrung aus dem Premiumsegment von Porsche, der großen Vertriebsorganisation von Volkswagen und der effizienten Volumenproduktion von Škoda mit.
Effizienz ist genau das, was Volvo jetzt braucht
Zellmer wechselt nicht zu einem Unternehmen in ruhigem Fahrwasser. Volvo verkaufte 2025 insgesamt 710.000 Autos, erzielte jedoch nur ein operatives Ergebnis von 0,3 Milliarden SEK und eine EBIT-Marge von lediglich 0,1 %. Im zweiten Quartal 2026 erreichte die Marge 1,1 %.
Im Hintergrund steht das Unternehmen durch US-Zölle, die Schwäche des chinesischen Marktes, die Entwicklungskosten für Elektrofahrzeuge und den Preiswettbewerb unter Druck. Laut Reuters ist der Aktienkurs von Volvo im Laufe des Jahres 2026 um mehr als 45 % gefallen.
Volvo reagiert darauf mit weitreichenden Maßnahmen. Nur drei Tage vor der Bekanntgabe von Zellmers Ernennung stellte das Unternehmen die größte Produktoffensive seiner Geschichte vor: Bis Ende 2030 sollen 13 vollständig neue Autos auf den Markt kommen. Sieben davon sind für westliche Länder bestimmt, sechs für China. Gleichzeitig will Volvo seine langfristige EBIT-Marge auf mehr als 8 % steigern.
Škoda hat die Technologie und Skaleneffekte des Volkswagen-Konzerns geschickt genutzt und zugleich die klare Positionierung seiner Modelle bewahrt. Volvo will innerhalb des Geely-Ökosystems etwas Ähnliches erreichen.
Volvo und Geely bauen ihre Verbindungen aus
Volvo gehört zur chinesischen Geely Holding. Eine der zentralen Fragen für die nächste Entwicklungsphase lautet, in welchem Umfang die schwedische Marke Technologien und Komponenten von Geely nutzen kann, ohne ihre Identität zu verwässern.
Bis 2030 will Volvo den Anteil der mit Geely gemeinsam genutzten Komponenten auf 30 % erhöhen. Nach Schätzung des Unternehmens sollen sich die Materialkosten dadurch um rund 5 % senken lassen. Gleichzeitig werden sich die Modellprogramme für China und westliche Länder deutlicher als bisher auseinanderentwickeln, da sich Vorschriften, Zölle und Kundenanforderungen in unterschiedliche Richtungen bewegen.
Zellmer kennt diese Art von Balanceakt gut. Škodas Erfolg beruht zu einem großen Teil auf der gemeinsamen Nutzung von Plattformen, Antrieben, Software und Produktionskapazitäten des Volkswagen-Konzerns. Dennoch nehmen Kunden den Octavia oder Elroq nicht als günstigere Kopien von Volkswagen-Modellen wahr. Genau diese Fähigkeit braucht Volvo, wenn das Unternehmen seine Zusammenarbeit mit Geely vertieft.
Samuelsson kehrte als Übergangschef zurück
Der Führungswechsel beendet eine recht turbulente Phase für Volvo in den vergangenen Jahren. Håkan Samuelsson leitete das Unternehmen zunächst von 2012 bis 2022. Auf ihn folgte Jim Rowan, doch Volvo holte Samuelsson 2025 mit einem Zweijahresvertrag zurück.
Samuelsson sagte im September, dass er nach dem Ende seines Vertrags im April 2027 nicht mehr in Vollzeit arbeiten wolle. Der offizielle späteste Amtsantritt Zellmers am 1. Oktober 2027 lässt daher auf dem Papier eine Lücke von mehreren Monaten. Volvo hat bislang weder mitgeteilt, ob Zellmer früher anfangen wird, noch wie das Unternehmen diesen Zeitraum überbrücken will. Auch Škoda hat noch nicht bekannt gegeben, wer nach Zellmer die Leitung des Unternehmens übernehmen wird.
Ein bedeutender Wechsel in der europäischen Automobilindustrie
Zellmers Wechsel von Škoda zu Volvo bringt zwei europäische Automarken zusammen, die sich derzeit in sehr unterschiedlichen Situationen befinden.
Škoda ist es gelungen, Absatz und Gewinn während des Übergangs zur Elektromobilität zu steigern und in die Spitzengruppe der größten europäischen Automarken aufzurücken. Volvo hingegen muss seine Profitabilität verbessern, Kosten senken und entscheiden, wie sich die Premiumpositionierung, Elektroautos, Plug-in-Hybride und die technologische Größe von Geely miteinander verbinden lassen.
Nach seinem Wechsel zu Volvo kann Zellmer daher nicht einfach nur den bestehenden Betrieb am Laufen halten. Seine Aufgabe besteht darin, aus einem ambitionierten Modellprogramm ein profitables Geschäft zu machen. Škodas Zahlen der vergangenen Jahre erklären recht überzeugend, warum Volvos Verwaltungsrat bei ihm angeklopft hat.