BYD Sealion 5 erhält im neuen ANCAP-Test nur drei Sterne und beendet die Fünf-Sterne-Serie der Marke
BYD war Fünf-Sterne-Sicherheitsbewertungen gewohnt, doch der neue Sealion 5 DM-i hat diese Serie in Australien beendet. Der Plug-in-Hybrid-SUV erhielt nach dem neuen, strengeren Bewertungsverfahren von ANCAP nur drei Sterne. Der entscheidende Punkt hinter den Zahlen: Das Hauptproblem war nicht die Crashsicherheit der Karosseriestruktur, sondern fehlende und unzureichend funktionierende elektronische Sicherheitssysteme.
Das Australasian New Car Assessment Program (ANCAP) veröffentlichte die Ergebnisse am 29. September. Die Organisation prüfte den Sealion 5 zusammen mit dem großen BYD M9 nach ihren neuen Anforderungen für 2026–2028. Der M9 erhielt fünf Sterne, der Sealion 5 dagegen drei. Damit ist Letzterer das erste von ANCAP getestete BYD-Modell, das nicht die Höchstwertung erhielt.
Nicht vier Prozent waren das Problem, sondern 48 Prozent
Bei der neuen ANCAP-Bewertung geht es nicht mehr nur um die Frage: „Wie gut übersteht ein Auto einen Unfall?“ Die Bewertung ist in vier große Bereiche unterteilt. Für ein respektables Gesamtergebnis muss ein Hersteller in allen gut abschneiden.
Die Ergebnisse des Sealion 5 sprechen für sich: sicheres Fahren 48 % Unfallvermeidung 51 % Insassenschutz bei einem Unfall 79 % Sicherheit nach einem Unfall 74 %
Es wäre daher nicht ganz zutreffend, den Sealion 5 einfach als Auto zu bezeichnen, das in Crashtests schlecht abgeschnitten hat. Seine 79 % beim Schutz im Falle eines Unfalls sind durchaus ein respektables Ergebnis. ANCAP stellte fest, dass das Auto Erwachsenen und Kindern im Allgemeinen ein angemessenes Schutzniveau bietet. Neue virtuelle Simulationen und Schlittenversuche zeigten allerdings Schwächen beim Schutz größerer Insassen und bei schwereren Kollisionen.
Der eigentliche Grund für die Drei-Sterne-Bewertung zeigt sich in den ersten beiden Ergebnissen.
Der Notfall-Spurhalteassistent überzeugte nicht
Ein konkreter Kritikpunkt betrifft den Notfall-Spurhalteassistenten. Im ANCAP-Test griff das System des Sealion 5 in Situationen nicht ein, in denen sich das Auto dem Fahrbahnrand näherte.
Im Jahr 2026 ist das längst kein exotisches Extra mehr. ANCAP berücksichtigt diese Funktion seit 2018 in seinen Bewertungen. Der Schwerpunkt ist nachvollziehbar: Australischen Statistiken zufolge macht unbeabsichtigtes Abkommen von der Fahrbahn einen erheblichen Teil schwerer Unfälle aus.
Auch eine ganze Reihe von Funktionen fehlte, die bei modernen Autos zunehmend erwartet werden.
In der von ANCAP getesteten australischen Ausführung bietet der Sealion 5 keine Erkennung eines im Auto zurückgelassenen Kindes. Es fehlten außerdem eine Erkennung falsch angelegter Sicherheitsgurte, eine Klassifizierung der Insassengröße und ein System, das die Motorleistung begrenzt, wenn der Fahrer bei niedriger Geschwindigkeit vor einem Fußgänger versehentlich aufs Gaspedal tritt.
Letzteres mag wie eine weitere elektronische Bevormundung klingen – bis man an Parkhäuser, Ladeneingänge und Situationen denkt, in denen jemand in Panik das Gas- statt des Bremspedals betätigt.
Auch keine automatische Notruffunktion
Bei der Sicherheit nach einem Unfall schnitt der Sealion 5 mit 74 % deutlich besser ab. Das Thermomanagement der Hochvoltbatterie des Plug-in-Hybrids, die Multikollisionsbremse und die Vorkehrungen zum Verlassen des Autos nach einem Unfall erfüllten die Erwartungen von ANCAP weitgehend.
Eine wichtige Lücke blieb jedoch: Der in Australien angebotene Sealion 5 verfügt über keine eCall-Funktion.
Für Interessenten in Europa ist hier eine wichtige Unterscheidung nötig. Die Ausstattung des in Australien getesteten Autos lässt sich nicht ohne Weiteres auf das europäische Modell übertragen. Die Europäische Union stellt andere Anforderungen an die Typgenehmigung und Sicherheit neuer Autos, darunter eine Pflicht zum automatischen Notruf. Die Drei-Sterne-Bewertung von ANCAP spiegelt daher vor allem das Sicherheitsniveau des Sealion 5 in der Ausführung für Australien und Neuseeland wider.
Der unangenehmste Vergleich kommt aus dem eigenen Haus
BYD könnte das schwache Ergebnis durchaus damit erklären, dass ANCAP seine Regeln 2026 geändert hat. Das neue Prüfverfahren ist tatsächlich anspruchsvoller als zuvor und bewertet aktive Sicherheit, Fahrerüberwachung und Funktionen für die Zeit nach einem Unfall deutlich umfassender. Doch der gleichzeitig getestete BYD M9 entkräftet diese Erklärung.
Der siebensitzige M9 durchlief genau dieselbe Bewertung nach den Anforderungen für 2026–2028 und erhielt fünf Sterne. Er erzielte 89 % beim Schutz im Falle eines Unfalls, 78 % bei der Unfallvermeidung, 75 % beim sicheren Fahren und volle 100 % bei der Sicherheit nach einem Unfall.
Aufschlussreicher noch: Der M9 verfügt über mehrere Systeme, die dem Sealion 5 fehlen. Dazu gehören die Erkennung eines im Auto zurückgelassenen Kindes, die Klassifizierung der Insassengröße und eCall.
Die Frage ist also nicht, ob BYD ein Auto bauen kann, das die neuen ANCAP-Anforderungen erfüllt. Das kann der Hersteller. Der Sealion 5 erhielt schlicht nicht dasselbe umfassende Sicherheitspaket.
ANCAP kaufte das Testauto selbst
Eine weitere Besonderheit gibt es in diesem Fall. Laut ANCAP-Geschäftsführerin Carla Hoorweg hat BYD seine Autos im Allgemeinen von sich aus zur Prüfung eingereicht. Beim Sealion 5 strebte der Hersteller jedoch selbst keine ANCAP-Bewertung an.
ANCAP wählte das Auto auf eigene Initiative für den Test aus, um Kaufinteressenten unabhängige Informationen zu seiner Sicherheit zu geben. Das Drei-Sterne-Ergebnis gilt in Australien sowohl für die Version Essential als auch für die Version Premium.
Das macht das Ergebnis für BYD noch etwas unangenehmer. Der Sealion 5 ist kein altes Nischenmodell, das der Hersteller in einem Schwellenland still und leise abverkauft. Er ist ein neuer Plug-in-Hybrid, der seit Januar 2026 in Australien und Neuseeland verkauft wird.
Der Sealion 5 kommt auch nach Europa
Damit wird das australische Ergebnis für Interessenten in Europa erheblich relevanter. BYD hat den Sealion 5 DM-i in seine europäische Modellpalette aufgenommen. Auf der europäischen Website des Herstellers wird er bereits als neuer „Super Hybrid SUV“ vorgestellt. Das ANCAP-Ergebnis lässt sich in Europa deshalb nicht einfach als Kuriosität von einem anderen Kontinent abtun. Ebenso falsch wäre allerdings die Behauptung, der europäische Sealion 5 sei automatisch ein Drei-Sterne-Auto.
Euro NCAP hat bislang keine vergleichbare Sicherheitsbewertung für den europäischen Sealion 5 veröffentlicht. Die Verfahren von ANCAP und Euro NCAP sind zwar verwandt, und beide legen zunehmend Wert auf aktive Sicherheit. Ihre Sternebewertungen lassen sich aber nicht einfach von einem System auf das andere übertragen.
Wichtiger noch: Die Sicherheitsausstattung des europäischen Autos kann von der australischen Version abweichen. Interessenten in Europa müssen daher das Ergebnis von Euro NCAP abwarten. ANCAP hat dennoch bereits gezeigt, wo Prüfer besonders genau hinsehen sollten.
Drei Sterne sind für BYD ein größeres Problem als für manche andere Marke
Das Ergebnis des Sealion 5 fällt gerade wegen der bisherigen Bilanz von BYD auf. Jedes zuvor von ANCAP bewertete BYD-Modell hatte fünf Sterne erhalten. Der Sealion 5 hat diese Serie nun beendet.
Das geschieht zu einer Zeit, in der BYD in Europa immer deutlicher über seine Rolle als preisgünstige chinesische Alternative hinauswächst und zu einem direkten Konkurrenten von Volkswagen, Toyota, Hyundai, Kia und anderen großen Herstellern wird. In dieser Situation gehört eine Sicherheitsbewertung zur Glaubwürdigkeit eines Produkts und ist nicht bloß ein Logo auf der letzten Seite eines Verkaufsprospekts.
Besonders aufschlussreich ist, dass die Karosseriestruktur und die Airbags hier nicht das Hauptproblem waren. Bei einer modernen Sicherheitsbewertung kann ein Hersteller ein recht stabiles Auto bauen und trotzdem nur drei Sterne erhalten, wenn die Software es im entscheidenden Moment nicht auf der Fahrbahn hält oder in der Ausstattungsliste Systeme fehlen, die Wettbewerber bereits anbieten.
Das hat der Sealion 5 BYD deutlich vor Augen geführt.